Ein paar der bekanntesten Blogger der deutschsprachigen Welt haben sich zusammen getan und ein sogenanntes Internet-Manifest veröffentlicht.
So interessant ein solches Manifest gerade in diesen Zeiten sein kann/sollte/könnte/müsste und so sehr ich etwas aus der Internetgemeinschaft, durch “Alpha-Blogger” (ist das jetzt ein Schimpfwort?) oder sich als “Neue-Journalisten” begreifende Blogger imitiertes Dokument gewartet habe, so sehr hat mich dieses Dokument auch irritiert.
- Es erinnert mich stark an das Geschwurbel von Sixtus-vs.-Lobo: anstrengend, oftmals unlogisch, nach kurzer Zeit nervend und sich wiederholend.
- Es wirkt sehr unfertig.
- Die Erstellung erfolgte in klassischer Manier einer Elite. Gut, inzwischen ist es in der Diskussion und es wurde unter CC-BY veröffentlicht. Trotzdem hinterlässt dieses Vorgehen einen sehr schalen Beigeschmack bei mir.
So und nun etwas zum Inhalt. Stellt euch auf Wiederholungen ein.
Internet-Manifest
Untertitel: Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.
Sollte das dann nicht eher Journalismus-Manifest heißen? Wenn ich mir das nachträglich mal so überlege, dann erklärt das einiges. Ich habe den Titel missverstanden. :(
Bemerkung: das habe ich erst nach dem Rest hier eingefügt.
1. Das Internet ist anders.
Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln - das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.
Die Medien müssen gar nicht. Sie sollten vielleicht. Und sie sollten auf jeden Fall fair darüber berichten und ordentlich recherchieren. Deswegen können sie in ihrem Auftreten aber durchaus das Internet ignorieren. Wirtschaftlich könnte das aber verheerend sein.
2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.
Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt - zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.
Na ja. Die Überschrift ist Quatsch, bzw. nur aus der Sicht einer kleinen Elite (das wird sich hoffentlich bald ändern) der Fall. Selbst für einen Großteil der Internetnutzer existiert das Internet bislang nur an festen Arbeits- und Wohnplätzen. Inhaltlich passt dieser Punkt überhaupt nicht zu Überschrift ist eigentlich kein selbständiger Punkt. Passt eher zu 1. oder 5. oder 6. oder…
3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.
Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.
Elitärer Quatsch. Das stimmt so nicht und westliche Welt ist auch eine etwas unbeholfene Einschränkung. Wobei das eigentlich egal ist, weil es reicht, sich erst einmal auf die Situation in Deutschland zu beziehen. Zwar gibt es wohl inzwischen 43,5 Mio. Internetnutzer in Deutschland, aber das sagt noch gar nichts über das Nutzerverhalten aus. Wenn wir mal in die gleiche Statistik gucken, dann sehen wir da 27% “Onlinecommunities mindestens einmal die Woche nutzen”. Youtube u.ä. würde ich mal bei 52% zumindest gelegentlich ablesen (also sind wir bei ca. 35% aller Deutschen über 14 Jahre). Die durchschnittliche tägliche TV-Nutzung liegt übrigens bei 228 Minuten und die des Internets bei 70 Minuten…
Das ganze sieht natürlich anders aus, wenn wir jünger Nutzergruppen betrachten. Und wenn man sich in internetnahen Peergroups bewegt.
4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.
Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.
Wir wünschen uns, dass die Freiheit des Internet unantastbar wäre. Die Architektur erschwert Einschränkungen sicherlich, aber fortschreitende Technologien vereinfachen es da leider gewaltig. Das kann man sicher immer umgehen, aber es wird schwerer werden. Und Darknets sind nun einmal wieder etwas elitäres für eine geschlossene Nutzergruppe.
5. Das Internet ist der Sieg der Information.
Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.
Dem stimme ich grundsätzlich zu und das ist für mich zugleich eine sehr wichtige Aussage in diesem Manifest. Nur muss man beachten, dass es immer schwieriger wird, den Gehalt an Informationen einzuschätzen. Ein gutes Beispiel ist die Wikipedia, die dabei mit ihren gesichteten Versionen einen guten Weg geht.
Aber Inhalte und Suchmaschinen alleine helfen nicht weiter. Eine Suchmaschine könnte auch dieses Geschwafel hier als wichtig einordnen…
6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.
Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.
Das Internet vermehrt die Möglichkeiten des Journalismus. Gedrucktes war auch nie unveränderlich. Schon gar nicht über die Zeiten. Da muss man sich nur mal die Bibel ansehen oder unterschiedliche Übersetzungsversionen und Ausgaben von Werken und Retuscheversuche in diversen Diktaturen. Nur heute sind solche Veränderungen einfacher nachvollziehbar aber auch einfacher durchführbar. Im Idealfall bleiben zwar alte Versionen erhalten, aber man muss diese finden und einschätzen, welche denn nun der Wahrheit am nächsten kommt.
7. Das Netz verlangt Vernetzung.
Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.
Stimmt.
8. Links lohnen, Zitate zieren.
Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate - auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers - ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.
Hm, schon wieder so ein Punkt um eines Punktes willen. Gehört zu 7. Ob Aggregatoren und Suchmaschinen per se Qualitätsjournalismus fördern, mag ich bezweifeln. Das ist sicherlich ein Ziel der Algorithmen von Google und Co., zumindest sagen das alle.
9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.
Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.
So langsam verstehe ich immer mehr, wie man das ganze auf 17 Punkte aufblähen konnte. Wie war nochmal Punkt 2? Ach nein, Punkt 3.
10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.
Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.
Was ist das Privileg der Pressefreiheit? Dass man kostenlos in Veranstaltungen rein kommt, oder überhaupt? Blogger werden bei einigen Veranstaltungen durchaus schon wie Presse behandelt. Muss man das gesetzlich regeln? Und soll man lieber einen Blogger das Privileg gewähren und statt dessen sogenannten schlechten Journalismus draußen halten? Was ist schlechter Journalismus? Die BILD? Wer entscheidet das?
11. Mehr ist mehr - es gibt kein Zuviel an Information.
Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen - sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Es gibt kein Zuviel an speicherbarer Information (ich bezweifle, dass eine Zivilisation mehr Information erzeugen kann, als sie speichern kann), aber es gibt ein Zuviel an verarbeitbarer Information. Das was wir derzeit im Netz sehen, sind noch lange keine Informationsmengen. Wir sehen derzeit nur, dass Information verfügbar wird, die bisher eingesperrt auf Papier und Mikrofilm und dadurch schwer durchsuchbar war.
12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.
Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren.
Journalismus im Internet braucht Mut zu Experimenten und stetiger Veränderung. So kurz geht das.
13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.
Das Urheberrecht ist ein Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet.
Was wollen mir die Verfasser hier sagen? Teufel und Engel? Urheberrecht jetziger Form ist gut und Urheberrecht jetziger Form ist böse?
Urheberrecht in Zeiten des Internets ist eine wichtige Frage, die noch viel Diskussionsbedarf benötigt. Für mich einer der wichtigsten Punkte dieses Pamphlets, aber einer der am schlechtesten ausgearbeiteten.
14. Das Internet kennt viele Währungen.
Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.
Inhaltsleer, oder wollt ihr mir sagen, nervige Werbung, die sich in unser aller Blickfeld schiebt, ist gut? Ach nein, das kommt ja schon wieder von einer Elite, die weiß, wie sie so etwas ausblendet (ja, Adblocker sind noch kein Allgemeingut).
15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.
Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.
Druckwerke sind übrigens auch nicht flüchtig. Im übrigen könnte es passieren, dass Druckwerke sogar weniger flüchtig sind. Wenn man sich mal anschaut, welche alten, ausgestorbenen Sprachen schon entziffert wurden. Irgendwie bezweifle ich, dass in 4000 Jahren die heutigen Daten noch verfügbar und verwendbar sind.
16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.
Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.
Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose habt ihr lieb, oder?
Das mit dem glaubwürdig ist übrigens mal wieder eine Gutmensch-Annahme. Ein Publikum gewinnt, wer im Netz sichtbar wird. Wir hatten das schon weiter oben: sichtbar wird, was gefunden wird und da ist Qualität und Glaubwürdigkeit zwar ein wichtiger Designfaktor, aber sichergestellt ist das noch lange nicht.
17. Alle für alle.
Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten - für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte - und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.
Oh, oh, oh. Ich bezweifle, dass es die Generation Wikipedia in dieser Form gibt. Nachrichten bis zum Ursprung verfolgen, schafft doch wieder nur eine kleine Elite, der Rest hätte auch gar nicht die Zeit dazu. Man kann nur hoffen, dass Recherchierer Gehör erlangen, nur muss ich diese dann ja auch wieder einschätzen. Nicht umsonst gibt es jetzt gesichtete Artikel in der Wikipedia (eine sehr gute Idee).
Mein Fazit
Eigentlich steht das ja am Anfang. Als ich das Schlagwort Internet-Manifest in Twitter (oder war es der Google Reader?) gelesen hatte, war ich gespannt. Bei ungefähr der Hälfte hatte mich die Leselust schon längst verlassen. Das hätte man auch auf 10 Gebote zusammenfassen können.
Wahrscheinlich kommt auch hier unten keiner an. Leider war die Vorlage so lang…
Links
Damit mein Geschwurbel hier jetzt auch noch in der Diskussion gefunden wird, noch Links zu den Blogeinträgen der Initiatoren, soweit vorhanden. Hoffentlich sind diese Trackback-enabled. Würde dem ganzen Gedanken sonst widersprechen. Wo ich keinen Blogeintrag finde, gibts auch keinen Link.
Es fehlen, sollen aber direkt erwähnt werden: Mecedes Bunz, Julius Endert, Wolfgang Michal, Robin Meyer-Lucht, Kathrin Passig, Peter Stawowy
Auf internet-manifest.de gibts auch viele Kommentare.
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