September 2009 Archives

So nun haben wir den Salat. Eine Tigerentenkoalition in Sachsen. Das hätte ja eine Hoffnung auf Stärkung der Bürgerrechte sein können. Immerhin hat sich die FDP im Bund gegen das ZugErschwG ausgesprochen. Dem Entgegen stehen gerade widersprüchliche Aussagen des weiteren Vorgehens (irgendwie fehlt mir die Vorstellung, dass die FDP eine Koalition platzen lässt, wenn sich die CDU nicht von der Abschaffung des ZugErschwG überzeugen lässt, aber klagen wollen sie wohl nur, wenn sie nicht in die Regierung kommen) .

Der aktuelle Entwurf der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und FDP in Sachsen lässt mich auch nichts Gutes erahnen. Da finden sich nämlich viele Positionen, die ich nicht als Stärkung der Bürgerrechte empfinde, sondern mehr Überwachung befürchten lassen.

Da heißt es auf Seite 49:

Wir werden das Polizeigesetz unter Beachtung neuer Gefahren novellieren. Dazu gehören:

  • der anlassbezogene Einsatz mobiler Kennzeichenerkennungssysteme;
  • die Regelung der effektiven Videoüberwachung öffentlicher Plätze und öffentlicher Verkehrsmittel;

»Anlassbezogener Einsatz mobiler Kennzeichenerkennungssysteme« kann ja mal wieder alles bedeuten. »Anlassbezogen« heißt zwar nicht »dauernd«, aber könnte problemlos ausgerollt werden für z.B. Demonstrationen, Feste, neuralgische Punkte. Dazu dann noch etwas mehr Videoüberwachung. Schon beim Gedanken daran fühle ich mich sicherer.

Der Begriff »Terrorismus« wird auch einfach mal eingeworfen:

Mit Blick auf die Bedrohung durch die organisierte Kriminalität, den Drogenhandel und den internationalen Terrorismus ist die Handlungsfähigkeit der Sicherheitsbehörden zu gewährleisten.

Das Internet darf nicht fehlen, schließlich sind unsere Kinder nicht nur durch »Terrorismus« gefährdet, sondern auch durchs Internet:

Wir setzen uns dafür ein, die Internetkriminalität vor allem zum Schutz von Kindern und Jugendlichen wirksam zu bekämpfen und die dafür notwendigen Grundlagen für Polizei und Justiz zu schaffen.

Sehr schwammig.

Und dann soll die Telefonüberwachung noch auf die Internettelefonie ausgedehnt werden (gibt es dann einen Sachsentrojaner?). Das Ganze wird unerklärlicherweise gleich noch mit Graffitis zusammen geworfen:

Wir werden Graffiti-Schmierereien effektiv bekämpfen und bestehende Eingriffsmöglichkeiten bei der Telefonüberwachung auch auf Internettelefonie ausdehnen.

Starker Tobak, wenn man das mal weiter denkt…

Auf der anderen Seite werden dann aber die Polizeimittel gekürzt. Dabei wird doch von der Polizei meist gefordert, dass statt neuer Gesetze und Überwachungsmaßnahmen eine bessere Ausstattung nötig ist:

Der beschlossene Stellenabbauplan bei der Polizei wird fortgesetzt.

Unter »Kultur und Medien« wird das Internet in Form von »Online-Medien« übrigens recht nebenläufig erwähnt. Das Internet ist anscheinend für beide Koalitionspartner hauptsächlich ein »rechtsfreier Raum«.

Was ich eigentlich auch unfassbar finde (Seite 47, Zeile 10):

Wir werden die Privatisierung des Gerichtsvollzieherwesens prüfen und ggf. dafür eine gesetzliche Grundlage schaffen.

Gerichtsvollzieherwesen privatisieren? Titel eintreiben muss ja tlw. sein, aber durch private Unternehmen? Was für eine obskure Idee.

So und nun stellen wir uns mal vor, was die FDP bei Koalitionsverhandlungen mit der CDU im Bund heraus holen wird…

Bitte liebe Piratenvertreter: informiert euch das nächste mal, bevor ihr einer Zeitschrift ein Interview gebt! Der Grund? Andreas Popp hat ein Interview für die Junge Freiheit gegeben. Eine Zeitschrift, die man durchaus als »problematisch« bezeichnen kann.

Inzwischen gibt es ein Statement von Andreas Popp

Ich bekam letztes Wochenende eine Mail mit dem Titel „Eilige Interviewanfrage” mit einer Bitte um Rückruf. Also hab ich da angerufen und gefragt was er denn will. Mir war die Zeitung überhaupt nicht bekannt, also dachte ich mir nichts dabei.

Bei dem Interview bin ich schließlich aus allen Wolken gefallen und hab den Interviewer auch gefragt, was er denn eigentlich von mir wolle, weil er mir immer halb seltsame Voträge gehalten hat und ich mich auch schon so gefühlt habe, als wolle er mir hier irgendwas unterschieben.[…]

Warum war nicht einmal die Zeit da, kurz Wikipedia zu fragen und die Interviewanfrage abzulehnen, bzw. zu ignorieren. Ich kann nachvollziehen, dass man lieber ein redigiertes Intwerview zurück schickt, als nichts (hätte man das Interview vielleicht zurück ziehen können?) und totalen Müll veröffentlichen zu lassen.

Bei den Piraten im Forum wird auch heftig diskutiert. Ich kann allerdings nicht die Einstellung teilen, dass das wo einer Veröffentlichung nicht entscheidend sei. Der zitierte Ausschnitt des Interviews klingt ja durchaus vernünftig, aber trotzdem. Die Recherche bei Wikipedia hätte keine ganze Minute in Anspruch genommen…

Die Reaktionen im Netz sind entsprechend heftig. Insbesondere auf Twitter.

Nicht gut das Ganze…

Update

Inzwischen tut sich ja viel im Netz. Eine sehr ausführliche Diskussion findet sich auf Spreeblick wobei mir beim Artikel doch etwas die journalistische Qualität fehlt (dieser Tiefschlag musste einfach sein). Der Kommentar, dem ich nach längerem Nachdenken über dieses unsägliche Interview zustimmen würde, kommt von mspro, deswegen zitiere ich den hier mal fast komplett:

Ach Fred, ich kann das ja irgendwie nachvollziehen, was Du da forderst. Du willst, dass sich die Piraten Bekennen so wie Du Dich bekennst und zwar innerhalb Deines - und innerhalb unseres (ich zähl mich da zu Dir) - politischen Koordinatensystems. Wir - als schon längst politisierte - haben uns seit Jahren darin eingerichtet, in all den mehr oder weniger scharfen Grenzziehungen zwischen links/rechts, den MustHaves und NoGos. Wir leben darin und finden es völlig normal, alles durch diese normativen Schablonen zu sehen und einzuordnen.

Und dann kommen die Piraten. Und ja. Die meisten Mitglieder haben erst vorgestern beschlossen, sich politisch zu nennen. Die haben keinen Marx, ja nicht mal Chomsky gelesen. Die wissen meist nichtmal, dass Springer rechts ist und die Taz kennen sie auch nur von der Auslage des Kiosks. Und sie kommen mit politischen Forderungen, die aus ihrem ganz normalen Lebenssituationen resultitert und mehr nicht. Alles andere, da hat sich nichts geändert - interessiert sie auch weiterhin nicht.

Das ist ein Problem: Klar. Das hat man gerade wieder gemerkt. Aber es ist auch eine Chance! Es ist eine Chance einen unverstellten, unindoktrinierten (und wenn “politisch” hier als Sozialisation verstanden werden will, dann ja: auch unpolitischen) Blick auf dieses unsere politisches Koordinatensystems zu werfen. Auf alle NoGos und alle MustHaves. Alle tradierten Kategrorien und Schablonen. Die - ich hoffe ich muss Dir das nicht erzählen - ziemlich eingefahren sind, eng und monolithisch.

Bei Spreeblick findet sich auch noch ein interessanter Link zu einem etwas längerem, recht theoretischen Artikel über die grundsätzliche Einordnung der Piraten von Felix Neumann (wenn man dort ist, sollte man weiter folgen zu Piraten als radikale Zentristen).

Auf Twitter ist ja viel negative Reaktion. Und da hat tante eine interessanten Einwurf geschrieben:

Nun werden große Diskussionen gestartet: Was sind die Grundsätze der Piratenpartei? Haben sie überhaupt welche? Sind sie nun “links” oder “rechts”? […]

Die Antwort ist so einfach wie sie hässlich ist: Weil wir, die Netzpopulation ein Haufen gelangweilter Arschlöcher sind. Mal mehr, mal weniger, aber nie ganz weg. […] Es geht darum den anderen runter zu machen und sich durch die “Kritik” über die Betreffenden zu stellen. Aus Langeweile und Geltungssucht.

Erst waren die Piraten klein, nun sind sie “groß” […] Schön, neues Ziel […] der ganze altbekannte und -bewährte Scheiss.

Man feierte die Piratenpartei zuerst, weil sie sich gegen die bestehenden Kategorien und Systeme stellte, weil sie nicht die Begriffe und Konzepte der etablierten Parteien übernahmen und sich gegen die selten dämliche links/rechts Einordnung stellten, nun wird genau das der Vorwurf an sie: “Seid ihr denn nun rechts oder links, so in ehrlich?”

[…]

Ich habe manchmal das Gefühl, dass da einige von ihrer eigenen Courage eingeholt werden: Erst der Piratenpartei hinterherrennen als gottgleichem Heilsbringer, dann merken, dass die ja vielleicht wirklich nachher noch gewählt werden und dann schön zurück in den Schoß der etablierten Parteien rudern. Hallo Atomkraftwerke-sind-ja-doch-OK-Grüne, Zensur-ja-aber-dafür-mehr-Geld-für-Reiche-FDP oder Alles-egal-Hauptsache-paar-Minister-SPD. Und dann in nem Jahr quengeln dieselben Pappnasen, dass sich nix ändert.

Als Gegenbewegung die Piratenparteireligion, die in ihrer Beratungsresistenz und mangelnden Selbstreflexion nur vom Cult of Mac, Scientology und den Mormonen übertroffen wird.

Die ganze Diskussion ist so dermaßen scheinheilig, verlogen und selbstgerecht dass es kaum zu ertragen ist. Wählt am 27. doch einfach die Partei, von der ihr glaubt, dass sie durch mehr Einfluss die Situation besser macht. Und lasst die ganze missionarische Scheisse sein, wir haben schon bei weitem genug Religionen, die unser Leben schlechter machen, als es sein muss, schafft nicht noch neue.

Das mag ich jetzt gar nicht noch groß kommentieren, außer dass ich dies als korrekte Einschätzung der Netzwelt empfinde, und lass dieses lange Zitat einfach mal so stehen. Es gibt derzeit ja leider viel zu viele interessante Themen, über die man schreiben könnte.

Zu den Übergriffen hat sich nun auch das Orga-Team gemeldet. Unter anderem wird da erklärt:

Wir sind bestürzt über diesen Vorfall. Uns ist völlig unverständlich, wie die Polizei so agieren konnte. So etwas darf nicht wieder passieren! Wir fordern die lückenlose Aufklärung dieses Vorfalles.

Es gibt Erkenntnisse darüber, dass Polizisten auf die rechtmäßige und legitime Frage nach ihrer Dienstnummer mit Gewalt reagiert haben. Aus unserer Sicht ist es nicht hinnehmbar, dass der Staat uns Bürger immer mehr überwacht, aber nicht bereit ist, seine Organe transparent agieren zu lassen.

Ich hoffe, dass es wirklich zu einer Aufklärung kommen wird und kann dem Schlusswort nur beipflichten:

Wir fordern Freiheit statt Angst - Auch bei Demonstrationen.

Immerhin erwähnt die Berliner Polizei in ihrer Pressemitteilung das Video konkret und hat wohl ein Ermittlungsverfahren eingeleitet:

Im Zusammenhang mit der Überprüfung des Lautsprecherwagens kam es seitens mehrerer Teilnehmer zu massiven Störungen der polizeilichen Maßnahmen. Trotz wiederholter Aufforderungen, den Ort zu verlassen, störte insbesondere ein 37-Jähriger weiter. Die Beamten erteilten ihm schließlich einen Platzverweis. Nachdem auch dieser wiederholt ausgesprochen worden war und der Mann keine Anstalten machte, dem nachzukommen, nahmen ihn die Polizisten fest. Hierbei griff ein Unbekannter in das Geschehen ein und versuchte, den Festgenommenen zu befreien, was die Beamten mittels einfacher körperlicher Gewalt verhinderten. Der Unbekannte entfernte sich anschließend vom Tatort. Der 37-Jährige erlitt bei seiner Festnahme Verletzungen im Gesicht und kam zur Behandlung in ein Krankenhaus.

Die Vorgehensweise der an der Festnahme beteiligten Beamten einer Einsatzhundertschaft, die auch in einer im Internet verbreiteten Videosequenz erkennbar ist, hat die Polizei veranlasst, ein Strafverfahren wegen Körperverletzung im Amt einzuleiten. Das Ermittlungsverfahren wird durch das zuständige Fachdezernat beim Landeskriminalamt mit Vorrang geführt.

Eine interessante Erklärung (wird dies dann auch die Begründung für die Einstellung des Verfahrens sein?). Warum aber kann ich nur schwer den Zusammenhang mit dem Video herstellen? Wahrscheinlich bin ich zu blöd…

Updates

Es gibt natürlich inzwischen viele Stimmen im Netz. Besonders interessant finde ich

Insgesamt scheint die Freiheit-Statt-Angst-09 ja sehr friedlich gewesen zu sein, für eine Veranstaltung dieser Größenordnung. Am Rande muss man da ja immer mit gewaltbereiten Gruppen rechnen. Aber inzwischen ist dieses Video aufgetaucht, das zeigt, dass Menschen das schwächste Glied sind:

Dumm nur, wenn dies Polizisten sind. Noch dümmer, wenn ein anscheinend grundloser Gewaltübergriff der Polizei auf einer Demo mit dem Motto »Freiheit-Statt-Angst« statt findet. Und ich kann auf dem Video wahrlich keinen Auslöser erkennen, der diesen Übergriff auch nur ansatzweise recht fertigen könnte. Es kann natürlich sein, dass man in dem Gerangel nicht alles erkennt.

Bei Fefe findet sich mehr. Da steht auch:

Auslöser war übrigens, dass der Radfahrer eine Anzeige gegen einen anderen Polizisten erstatten wollte, weil er gesehen hatte, wie ein Freund von ihm unsanft einkassiert wurde.

In Fefes Eintrag finden sich übrigens Links zu hochauflösenden Video. Mit Hilfe derer lassen sich die Polizisten hoffentlich zweifelsfrei identifizieren (anders geht es anscheinend nicht) und somit klären, wie es dazu kommen konnte.

Wenn Fefe sich jetzt nicht hätte von $KUMPEL dazu hinreißen lassen, ein so schwachsinniges Bild zu verlinken, wäre mir wohler. Das schwächt den Eintrag erheblich zumal die Authentizität des Video m.E. noch zu klären bleibt.

Einer gewissen Ironie entbehrt es nicht, dass hochauflösende »Überwachungsvideos« durch Demonstranten einer Demo gegen den Überwachungsstaat angefertigt werden. Aber wenigstens dienen diese nicht der Rasterfahndung…

Update:

Andere Kommentare gibt es natürlich auch schon: fixmbr, Spreeblick, netzpolitik.org und bestimmt noch mehr.

Der CCC sucht übrigens Zeugen. Bitte melden unter mail@ccc.de.

Jeder mag Daten und die Kontrolle darüber haben. Auch bei der Webbenutzeranalyse. Ich gebe ja frei zu, dass ich ein Fan von Google Analytics bin. Einfach zu nutzen und nettes Interface mit vielen Informationen.

Seit einer Weile wollte ich schon mal Piwik testen. Da ich den Webspace von dieser Seite umgezogen habe und nun mehr Kontrolle über den Server habe, ist es natürlich viel einfacher, alles mögliche zu installieren und zu probieren.

Ich muss sagen, Piwik gefällt mir (die Installation war auch super einfach, nicht der Erwähnung wert). Das Interface ist einigermaßen modern, nicht so altbacken, wie so viele “Counter” und zeigt viele Daten an. Aber es wird Google Analytics (GA) noch nicht ersetzen, denn ein paar Dinge sind da noch besser:

  • Alte Daten liegen da. Kann man über die GA API alte Quasi-Rohdaten auslesen? Das wäre toll, denn dann könnte man es sicher schaffen, Piwik mit “historischen” Daten zu versorgen.
  • Die GUI von GA ist einfach aufgeräumter und wirkt moderner. Aber Piwik entwickelt sich und bringt vom Ansatz her alles mit, um schicker zu werden.
  • Die geografische Analyse bei GA ist einfach toll. Auch die Seiten-Overlays.
  • Bei Piwik muss ich erstmal abwarten, wie sich die Performance entwickelt.

Doch Piwik bietet auch schon Dinge, die ich bei GA vermisse. Z.B. die Zugriffverteilung über den Tag. Kann sein, dass man sich das bei GA einbauen kann, da geht ja viel.

Was mir bei beiden fehlt, ist eine Darstellung der zeitlichen Entwicklung der Browserverteilung, bzw. -versionen. Bei GA kann man sich da zwar auch was bauen, aber komisch, dass das kein Standardreport ist und in der Form, wie ich das gerne hätte, habe ich es noch nicht hin bekommen (sich die absoluten Zugriffszahlen per Browser anzeigen zu lassen geht, aber schafft man das auch prozentual?).

Jedenfalls werden die beiden Datensammler jetzt erstmal parallel hier laufen und ich werde die Entwicklung beobachten…

Was ich jetzt noch suche, ist ein gute Webinferface zur Analyse der Apache Logfiles. Schließlich habe ich Zugriff darauf. Und nein, awstats ist keine Alternative. Das ist zu altbacken…

Ein paar der bekanntesten Blogger der deutschsprachigen Welt haben sich zusammen getan und ein sogenanntes Internet-Manifest veröffentlicht.

So interessant ein solches Manifest gerade in diesen Zeiten sein kann/sollte/könnte/müsste und so sehr ich etwas aus der Internetgemeinschaft, durch “Alpha-Blogger” (ist das jetzt ein Schimpfwort?) oder sich als “Neue-Journalisten” begreifende Blogger imitiertes Dokument gewartet habe, so sehr hat mich dieses Dokument auch irritiert.

  1. Es erinnert mich stark an das Geschwurbel von Sixtus-vs.-Lobo: anstrengend, oftmals unlogisch, nach kurzer Zeit nervend und sich wiederholend.
  2. Es wirkt sehr unfertig.
  3. Die Erstellung erfolgte in klassischer Manier einer Elite. Gut, inzwischen ist es in der Diskussion und es wurde unter CC-BY veröffentlicht. Trotzdem hinterlässt dieses Vorgehen einen sehr schalen Beigeschmack bei mir.

So und nun etwas zum Inhalt. Stellt euch auf Wiederholungen ein.

Internet-Manifest

Untertitel: Wie Journalismus heute funktioniert. 17 Behauptungen.

Sollte das dann nicht eher Journalismus-Manifest heißen? Wenn ich mir das nachträglich mal so überlege, dann erklärt das einiges. Ich habe den Titel missverstanden. :(

Bemerkung: das habe ich erst nach dem Rest hier eingefügt.

1. Das Internet ist anders.

Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln - das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.

Die Medien müssen gar nicht. Sie sollten vielleicht. Und sie sollten auf jeden Fall fair darüber berichten und ordentlich recherchieren. Deswegen können sie in ihrem Auftreten aber durchaus das Internet ignorieren. Wirtschaftlich könnte das aber verheerend sein.

2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.

Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt - zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.

Na ja. Die Überschrift ist Quatsch, bzw. nur aus der Sicht einer kleinen Elite (das wird sich hoffentlich bald ändern) der Fall. Selbst für einen Großteil der Internetnutzer existiert das Internet bislang nur an festen Arbeits- und Wohnplätzen. Inhaltlich passt dieser Punkt überhaupt nicht zu Überschrift ist eigentlich kein selbständiger Punkt. Passt eher zu 1. oder 5. oder 6. oder…

3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.

Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.

Elitärer Quatsch. Das stimmt so nicht und westliche Welt ist auch eine etwas unbeholfene Einschränkung. Wobei das eigentlich egal ist, weil es reicht, sich erst einmal auf die Situation in Deutschland zu beziehen. Zwar gibt es wohl inzwischen 43,5 Mio. Internetnutzer in Deutschland, aber das sagt noch gar nichts über das Nutzerverhalten aus. Wenn wir mal in die gleiche Statistik gucken, dann sehen wir da 27% “Onlinecommunities mindestens einmal die Woche nutzen”. Youtube u.ä. würde ich mal bei 52% zumindest gelegentlich ablesen (also sind wir bei ca. 35% aller Deutschen über 14 Jahre). Die durchschnittliche tägliche TV-Nutzung liegt übrigens bei 228 Minuten und die des Internets bei 70 Minuten…

Das ganze sieht natürlich anders aus, wenn wir jünger Nutzergruppen betrachten. Und wenn man sich in internetnahen Peergroups bewegt.

4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.

Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.

Wir wünschen uns, dass die Freiheit des Internet unantastbar wäre. Die Architektur erschwert Einschränkungen sicherlich, aber fortschreitende Technologien vereinfachen es da leider gewaltig. Das kann man sicher immer umgehen, aber es wird schwerer werden. Und Darknets sind nun einmal wieder etwas elitäres für eine geschlossene Nutzergruppe.

5. Das Internet ist der Sieg der Information.

Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.

Dem stimme ich grundsätzlich zu und das ist für mich zugleich eine sehr wichtige Aussage in diesem Manifest. Nur muss man beachten, dass es immer schwieriger wird, den Gehalt an Informationen einzuschätzen. Ein gutes Beispiel ist die Wikipedia, die dabei mit ihren gesichteten Versionen einen guten Weg geht.

Aber Inhalte und Suchmaschinen alleine helfen nicht weiter. Eine Suchmaschine könnte auch dieses Geschwafel hier als wichtig einordnen…

6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.

Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.

Das Internet vermehrt die Möglichkeiten des Journalismus. Gedrucktes war auch nie unveränderlich. Schon gar nicht über die Zeiten. Da muss man sich nur mal die Bibel ansehen oder unterschiedliche Übersetzungsversionen und Ausgaben von Werken und Retuscheversuche in diversen Diktaturen. Nur heute sind solche Veränderungen einfacher nachvollziehbar aber auch einfacher durchführbar. Im Idealfall bleiben zwar alte Versionen erhalten, aber man muss diese finden und einschätzen, welche denn nun der Wahrheit am nächsten kommt.

7. Das Netz verlangt Vernetzung.

Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.

Stimmt.

8. Links lohnen, Zitate zieren.

Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate - auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers - ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.

Hm, schon wieder so ein Punkt um eines Punktes willen. Gehört zu 7. Ob Aggregatoren und Suchmaschinen per se Qualitätsjournalismus fördern, mag ich bezweifeln. Das ist sicherlich ein Ziel der Algorithmen von Google und Co., zumindest sagen das alle.

9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.

Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.

So langsam verstehe ich immer mehr, wie man das ganze auf 17 Punkte aufblähen konnte. Wie war nochmal Punkt 2? Ach nein, Punkt 3.

10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.

Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.

Was ist das Privileg der Pressefreiheit? Dass man kostenlos in Veranstaltungen rein kommt, oder überhaupt? Blogger werden bei einigen Veranstaltungen durchaus schon wie Presse behandelt. Muss man das gesetzlich regeln? Und soll man lieber einen Blogger das Privileg gewähren und statt dessen sogenannten schlechten Journalismus draußen halten? Was ist schlechter Journalismus? Die BILD? Wer entscheidet das?

11. Mehr ist mehr - es gibt kein Zuviel an Information.

Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen - sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Es gibt kein Zuviel an speicherbarer Information (ich bezweifle, dass eine Zivilisation mehr Information erzeugen kann, als sie speichern kann), aber es gibt ein Zuviel an verarbeitbarer Information. Das was wir derzeit im Netz sehen, sind noch lange keine Informationsmengen. Wir sehen derzeit nur, dass Information verfügbar wird, die bisher eingesperrt auf Papier und Mikrofilm und dadurch schwer durchsuchbar war.

12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.

Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren.

Journalismus im Internet braucht Mut zu Experimenten und stetiger Veränderung. So kurz geht das.

13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.

Das Urheberrecht ist ein Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet.

Was wollen mir die Verfasser hier sagen? Teufel und Engel? Urheberrecht jetziger Form ist gut und Urheberrecht jetziger Form ist böse?

Urheberrecht in Zeiten des Internets ist eine wichtige Frage, die noch viel Diskussionsbedarf benötigt. Für mich einer der wichtigsten Punkte dieses Pamphlets, aber einer der am schlechtesten ausgearbeiteten.

14. Das Internet kennt viele Währungen.

Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.

Inhaltsleer, oder wollt ihr mir sagen, nervige Werbung, die sich in unser aller Blickfeld schiebt, ist gut? Ach nein, das kommt ja schon wieder von einer Elite, die weiß, wie sie so etwas ausblendet (ja, Adblocker sind noch kein Allgemeingut).

15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.

Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.

Druckwerke sind übrigens auch nicht flüchtig. Im übrigen könnte es passieren, dass Druckwerke sogar weniger flüchtig sind. Wenn man sich mal anschaut, welche alten, ausgestorbenen Sprachen schon entziffert wurden. Irgendwie bezweifle ich, dass in 4000 Jahren die heutigen Daten noch verfügbar und verwendbar sind.

16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.

Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose habt ihr lieb, oder?

Das mit dem glaubwürdig ist übrigens mal wieder eine Gutmensch-Annahme. Ein Publikum gewinnt, wer im Netz sichtbar wird. Wir hatten das schon weiter oben: sichtbar wird, was gefunden wird und da ist Qualität und Glaubwürdigkeit zwar ein wichtiger Designfaktor, aber sichergestellt ist das noch lange nicht.

17. Alle für alle.

Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten - für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte - und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.

Oh, oh, oh. Ich bezweifle, dass es die Generation Wikipedia in dieser Form gibt. Nachrichten bis zum Ursprung verfolgen, schafft doch wieder nur eine kleine Elite, der Rest hätte auch gar nicht die Zeit dazu. Man kann nur hoffen, dass Recherchierer Gehör erlangen, nur muss ich diese dann ja auch wieder einschätzen. Nicht umsonst gibt es jetzt gesichtete Artikel in der Wikipedia (eine sehr gute Idee).

Mein Fazit

Eigentlich steht das ja am Anfang. Als ich das Schlagwort Internet-Manifest in Twitter (oder war es der Google Reader?) gelesen hatte, war ich gespannt. Bei ungefähr der Hälfte hatte mich die Leselust schon längst verlassen. Das hätte man auch auf 10 Gebote zusammenfassen können.

Wahrscheinlich kommt auch hier unten keiner an. Leider war die Vorlage so lang…

Links

Damit mein Geschwurbel hier jetzt auch noch in der Diskussion gefunden wird, noch Links zu den Blogeinträgen der Initiatoren, soweit vorhanden. Hoffentlich sind diese Trackback-enabled. Würde dem ganzen Gedanken sonst widersprechen. Wo ich keinen Blogeintrag finde, gibts auch keinen Link.

Es fehlen, sollen aber direkt erwähnt werden: Mecedes Bunz, Julius Endert, Wolfgang Michal, Robin Meyer-Lucht, Kathrin Passig, Peter Stawowy

Auf internet-manifest.de gibts auch viele Kommentare.