Bitte liebe Piratenvertreter: informiert euch das nächste mal, bevor ihr einer Zeitschrift ein Interview gebt! Der Grund? Andreas Popp hat ein Interview für die Junge Freiheit gegeben. Eine Zeitschrift, die man durchaus als »problematisch« bezeichnen kann.

Inzwischen gibt es ein Statement von Andreas Popp

Ich bekam letztes Wochenende eine Mail mit dem Titel „Eilige Interviewanfrage” mit einer Bitte um Rückruf. Also hab ich da angerufen und gefragt was er denn will. Mir war die Zeitung überhaupt nicht bekannt, also dachte ich mir nichts dabei.

Bei dem Interview bin ich schließlich aus allen Wolken gefallen und hab den Interviewer auch gefragt, was er denn eigentlich von mir wolle, weil er mir immer halb seltsame Voträge gehalten hat und ich mich auch schon so gefühlt habe, als wolle er mir hier irgendwas unterschieben.[…]

Warum war nicht einmal die Zeit da, kurz Wikipedia zu fragen und die Interviewanfrage abzulehnen, bzw. zu ignorieren. Ich kann nachvollziehen, dass man lieber ein redigiertes Intwerview zurück schickt, als nichts (hätte man das Interview vielleicht zurück ziehen können?) und totalen Müll veröffentlichen zu lassen.

Bei den Piraten im Forum wird auch heftig diskutiert. Ich kann allerdings nicht die Einstellung teilen, dass das wo einer Veröffentlichung nicht entscheidend sei. Der zitierte Ausschnitt des Interviews klingt ja durchaus vernünftig, aber trotzdem. Die Recherche bei Wikipedia hätte keine ganze Minute in Anspruch genommen…

Die Reaktionen im Netz sind entsprechend heftig. Insbesondere auf Twitter.

Nicht gut das Ganze…

Update

Inzwischen tut sich ja viel im Netz. Eine sehr ausführliche Diskussion findet sich auf Spreeblick wobei mir beim Artikel doch etwas die journalistische Qualität fehlt (dieser Tiefschlag musste einfach sein). Der Kommentar, dem ich nach längerem Nachdenken über dieses unsägliche Interview zustimmen würde, kommt von mspro, deswegen zitiere ich den hier mal fast komplett:

Ach Fred, ich kann das ja irgendwie nachvollziehen, was Du da forderst. Du willst, dass sich die Piraten Bekennen so wie Du Dich bekennst und zwar innerhalb Deines - und innerhalb unseres (ich zähl mich da zu Dir) - politischen Koordinatensystems. Wir - als schon längst politisierte - haben uns seit Jahren darin eingerichtet, in all den mehr oder weniger scharfen Grenzziehungen zwischen links/rechts, den MustHaves und NoGos. Wir leben darin und finden es völlig normal, alles durch diese normativen Schablonen zu sehen und einzuordnen.

Und dann kommen die Piraten. Und ja. Die meisten Mitglieder haben erst vorgestern beschlossen, sich politisch zu nennen. Die haben keinen Marx, ja nicht mal Chomsky gelesen. Die wissen meist nichtmal, dass Springer rechts ist und die Taz kennen sie auch nur von der Auslage des Kiosks. Und sie kommen mit politischen Forderungen, die aus ihrem ganz normalen Lebenssituationen resultitert und mehr nicht. Alles andere, da hat sich nichts geändert - interessiert sie auch weiterhin nicht.

Das ist ein Problem: Klar. Das hat man gerade wieder gemerkt. Aber es ist auch eine Chance! Es ist eine Chance einen unverstellten, unindoktrinierten (und wenn “politisch” hier als Sozialisation verstanden werden will, dann ja: auch unpolitischen) Blick auf dieses unsere politisches Koordinatensystems zu werfen. Auf alle NoGos und alle MustHaves. Alle tradierten Kategrorien und Schablonen. Die - ich hoffe ich muss Dir das nicht erzählen - ziemlich eingefahren sind, eng und monolithisch.

Bei Spreeblick findet sich auch noch ein interessanter Link zu einem etwas längerem, recht theoretischen Artikel über die grundsätzliche Einordnung der Piraten von Felix Neumann (wenn man dort ist, sollte man weiter folgen zu Piraten als radikale Zentristen).

Auf Twitter ist ja viel negative Reaktion. Und da hat tante eine interessanten Einwurf geschrieben:

Nun werden große Diskussionen gestartet: Was sind die Grundsätze der Piratenpartei? Haben sie überhaupt welche? Sind sie nun “links” oder “rechts”? […]

Die Antwort ist so einfach wie sie hässlich ist: Weil wir, die Netzpopulation ein Haufen gelangweilter Arschlöcher sind. Mal mehr, mal weniger, aber nie ganz weg. […] Es geht darum den anderen runter zu machen und sich durch die “Kritik” über die Betreffenden zu stellen. Aus Langeweile und Geltungssucht.

Erst waren die Piraten klein, nun sind sie “groß” […] Schön, neues Ziel […] der ganze altbekannte und -bewährte Scheiss.

Man feierte die Piratenpartei zuerst, weil sie sich gegen die bestehenden Kategorien und Systeme stellte, weil sie nicht die Begriffe und Konzepte der etablierten Parteien übernahmen und sich gegen die selten dämliche links/rechts Einordnung stellten, nun wird genau das der Vorwurf an sie: “Seid ihr denn nun rechts oder links, so in ehrlich?”

[…]

Ich habe manchmal das Gefühl, dass da einige von ihrer eigenen Courage eingeholt werden: Erst der Piratenpartei hinterherrennen als gottgleichem Heilsbringer, dann merken, dass die ja vielleicht wirklich nachher noch gewählt werden und dann schön zurück in den Schoß der etablierten Parteien rudern. Hallo Atomkraftwerke-sind-ja-doch-OK-Grüne, Zensur-ja-aber-dafür-mehr-Geld-für-Reiche-FDP oder Alles-egal-Hauptsache-paar-Minister-SPD. Und dann in nem Jahr quengeln dieselben Pappnasen, dass sich nix ändert.

Als Gegenbewegung die Piratenparteireligion, die in ihrer Beratungsresistenz und mangelnden Selbstreflexion nur vom Cult of Mac, Scientology und den Mormonen übertroffen wird.

Die ganze Diskussion ist so dermaßen scheinheilig, verlogen und selbstgerecht dass es kaum zu ertragen ist. Wählt am 27. doch einfach die Partei, von der ihr glaubt, dass sie durch mehr Einfluss die Situation besser macht. Und lasst die ganze missionarische Scheisse sein, wir haben schon bei weitem genug Religionen, die unser Leben schlechter machen, als es sein muss, schafft nicht noch neue.

Das mag ich jetzt gar nicht noch groß kommentieren, außer dass ich dies als korrekte Einschätzung der Netzwelt empfinde, und lass dieses lange Zitat einfach mal so stehen. Es gibt derzeit ja leider viel zu viele interessante Themen, über die man schreiben könnte.

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1 Comment

Es ist in diesem Zusammenhang natürlich einfach, sich über das »wo« auszulassen. Ich finde aber, dass es einen nicht davon entbindet, einmal das komplette Interview zu lesen. Und das scheint mir beim Autor wohl der Fall zu sein. Zitat »Der zitierte Ausschnitt des Interviews klingt ja durchaus vernünftig, aber trotzdem.«

An mehreren Stellen rückt Popp von den rechten Einstellungen & Parteien ab. Die Kommentare unter dem Interview sagen alles: Rechte sind nicht gerade begeistert davon, was Popp von sich gelassen hat.

Ich begrüße es sogar, dass dieses Interview geführt wurde. Man kann sich wohl kaum effektiver von rechtsradikalen Tendenzen lossagen als in der JF.

Ich finde es schwachsinnig, davor Angst zu haben, dass man die JF salonfähig macht. Wer diese liest, sollte wissen, um was für eine Zeitschrift es sich handelt. Und wie bei jedem lesen sollte man stets das Gelesene kritisch hinterfragen.

Gruß, Klara

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